Kritiken: Gert Voss als König Lear

KÖnig Lear

 

 

"(...) Gert Voss spielt im Burgtheater "König Ich": die Krönung seiner Schauspielkunst. Er war hier und im Akademietheater schon König Richard III., Othello, Prospero, ja selbst Jahwe (alias Mr. Jay in Taboris Goldberg-Variationen). Er hat in all diesen und vielen anderen Rollen nach dem Brennpunkt gesucht, in dem die Eigenliebe zur Katastrophenexplosion zündet. Er kam diesem Punkt oft wunderbar gefährlich nah. Jetzt hat er ihn genial erreicht. Shakespeares Lear ist "achtzig und drüber", Voss ist sechzig und drüber. Die Rolle kommt für ihn keinen Tag zu früh. Er zündet sie in tollster Kraft. (...) Wenn Lear mit einem riesigen Vogelnest als Perücke, halbnackt unterm Königsmantel mit wabbeligen Brüsten und irrem Rasen den Marquis de Sade des Wahnsinns gibt und er den geblendeten Gloster im Schoß hält, wenn er später die tote, von Edmunds Schergen gemordete Cordelia beweint, dann sind die Schluchzer und Seufzer von Voss, dann sind sein Summen, sein Gähnen, sein Atmen, sein Stöhnen, sein Lebenaushauchen gar nicht mehr inszenierbar. Das ist einfach: pures, rohes, blutendes Fleisch einer Eigenliebe, der am Ende die Haut heruntergerissen wurde, als sie nun wirklich das besitzen und im Arm halten könnte, was jeglicher Liebe, wäre sie nur Nächstenliebe gewesen, wert gewesen wäre. Ein Moment, ganz Schmerz, verrückteste, herzzerreißendste Verlassenheit. Mehr eigentlich muss Theater gar nicht können. Jubel."

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.6.2007