Kritiken: Gert Voss als Jedermann

Jedermann

 

"(...) Gert Voss ist ein schäumender Frühbarock-Dandy in rotem Samt und Pumphosenseide. Das kostbare Feder-barett trägt er keck überm Ohr, die Beine sind in unaufhör-licher obszön tänzelnder Bewegung, den Leib bietet er schlängelnd, die spielerische Leck- und Streck-Zunge der ganzen Welt quengelnd zum virtuosen Ätsch! dar. Als Wüstling ein Zyniker, als Reumütiger ein Skeptiker. Er steht mit dem Moral- und Mysterienspiel sozusagen auf elegant-witzigem Goldonischem Dienerfuß. (...)"

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.7.1995

 

 

"(...) Kein Jedoch zum neuen Jedermann. Er hört seit einem sonnendurchglühten Sommerabend - hoffentlich für lange Zeit - auf den Namen Gert Voss. War Jedermann je jünger ? War überhaupt je eine der immer wieder rund-erneuerten (und so auch eiernden) Inszenierungen, die sich - felix Austria - noch heute auf Reinhardt berufen, jünger, lebenskräftiger, diesseitiger? (...) Gert Voss: großes Kind, verspielt, verliebt, auch in sich selber. (...) Ein Tunichtgut aus Lebensgier. Mein Gott, der Schuldner muss in den Turm, so sind die Gesetze nun mal; aber das verbietet diesem Lebemann doch nicht, die Frau des bankrott gegangenen Geschäftspartners ausgiebig zu küssen. Natürlich ist das vom Tod überreichte Stundenglas eine Totenuhr. (...) Todesangst ? Und ob. Läuterung ? Na ja, Schminke tut's auch. Wo ein Stück lügt, darf der Schauspieler ehrlich sein."

 

Die Zeit, 28.7.1996