Ritter, Dene, Voss

 

"(...) Für den verzweifelten Haustyrannen hat Gert Voss Töne einer heiteren Abgeklärtheit parat, hinter denen stets ausbruchsbereit eine Gewalttätigkeit lauert, die wiederum nru gewendete Hysterie ist. Wenn der Ausbruch dann kommt, so nie ohne Grandezza: Dieser zartgliedrige Mensch verleiht noch der schroffsten Fassungslosigkeit eine desperate Anmut, die Grazie äußerster Verzweiflung, die sich ihrer Stilisierung stets bewusst bleibt. Als Ludwig - mit hochgekämmtem Wittgenstein-Schopf - treibt Voss mit seinem Entsetzen so lange kindischen Scherz, bis er die selber gestellte Falle zuschnappen fühlt. Die längste Zeit hat er die Schwestern gegeneinander ausgespielt, hat mit seinen nie ganz ernst gemeinten Selbstbeschädigungen kokettiert und sich alle Narrenfreiheiten schamlos genommen. (...)"

 

profil, 25.8.1986

 

 

"Das Burgtheater aus Wien tanzt beim Berliner Theater-treffen. (...) Die Aufführung ist ein Glücksfall. Es geht, kaum kaschiert, um das Schicksal des großen österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. (...) Ein Stimmterzett intoniert das gestörte Gleichgewicht immer neu und betäubend. Gert Voss gibt den gefahrvoll-bedrohten Philosophen mit einem wunderbaren Impuls. Er spielt sein schreckliches Leiden bedrückend aus, dann gleich wieder heiter und souverän. Er gleitet mühelos über seine langen, wirren Sprechpassagen. Er droht - und er rührt. Er verfällt in trockene Albernheit und geistige Wirrsal. Er ist mit dieser Rolle eine große Leidensfigur und zugleich immer eine solche von brennendem Mitleid. Vergleichbares sah man selten. (...) "

 

Der Tagesspiegel, 7.5.1987

 

 

"(...) Am Esstisch sitz ein schmaler, geschmeidiger älterer Jüngling - der liebe kleine Bruder, das ewig aufsässige Kind. Wunderbar, wie Voss die große Irren-Nummer nicht spielt; wie er die Figur erst einmal verbirgt, als wolle er sich in Sicherheit bringen vor der bedrohlichen Fürsorge der Schwestern. Er ist zu Hause, und also weiß er sofort: Er ist am falschen Ort. Ein heller Kopf auf einem leichten Körper: Dass so einer die klaren Suppen liebt, die gebundenen hasst (und erst recht alle Saucen), ist keine Geschmacks-fragen, sondern eine Geisteshaltung. Ein klarer, völlig un-durchsichtiger Mensch. Niemals weiß der Zuschauer, nie wissen die verwirrten Schwestern, was seine Wahnsinns-anfälle wirklich sind: Naturkatastrophen oder kalt inszenierte Auftritte, Schicksalsschläge oder Befreiungs-versuche. (...)"

 

Die Zeit, 29.8.1986