Kritiken: Gert Voss als Richard III.

Die Möwe

 

"Luc Bondy hat (...) eine Partitur feiner Seelen-schwankungen erarbeitet; er führt die Menschen auf schmalsten Grat und an den Rändern ihrer Reizbarkeit oder in den Tälern der stillen Selbstaufgabe. Dort gründelt etwa Trigorin, der Erfolgsdichter, den Gert Voss als kaum noch hinhörenden Schlurf darstellt, dem alles eins ist, solange die Pfeife glüht und ein Angelteich nah ist. In erdfarbenen Landklamotten (...) schnürt er seinen Lebensweg dahin und glüht nur einmal kurz auf, als der Backfisch Nina ihn allzu frisch umschwänzelt: Da fließt er, während er noch über das Fade des Ruhms brabbelt, in Ninas Liegestuhl, wärmt sich an seinen Worten und am Fleisch der Irritierten - denn so tierhaft niedrig hatte sie den Glorreichen nicht gedacht. (...) Luc Bondy ist ein überwältigend eindringliches Feingemälde toter Seelen voller Leben gelungen."

 

Die Zeit, 18.5.2000

 

 

"(...) Fast eine Viertelstunde dauerte der Beifall für Luc Bondys Inszenierung (...), die mit einer Traumbesetzung (von Jutta Lampe über Johanna Wokalek bis zu Gert Voss) im Wiener Akademietheater Premiere hatte. Der Jubel galt einer Aufführung, die süß und schwer ist wie ein Sommerabend, drückend schwül manchmal und dann wieder so leicht und luftig und verheißungsvoll leuchtend wie das pinkfarbene Tuch auf Gilles Aillauds Einheits-bühne. (...) Wie traurig und albern, das alles ! (...) Die Charakterlosigkeit des Schriftstellers Trigorin (Gert Voss) , dem die Leidenschaft zur jungen Nina (Johanna Wokalek) wie eine Laune unterläuft; und auch das Märtyrer-gehabe, mit dem sich das verzweifelte Mädchen am Ende, wenn Trigorin es wieder verlassen hat, in seinen Beruf als Schau-spielerin stürzt. Wohin man schaut: falsches Leben, verpasstes Glück. (...)"

 

Süddeutsche Zeitung, 16.5.1990