Kritiken: Gert Voss als Iwanow

Iwanow

 

"(..) Zadeks Theater fängt wie ganz von vorne an, kann Paradies sein oder Hölle. Das richtige Bühnenhaus ist, wenn der Vorhang auf geht, bis zur Brandmauer leer. In der Mitte ein Stuhl, auf dem Iwanow elegisch lümmelt. Unrasiert, die lockigen Haare leicht speckig, die Haltung schlaff. Gert Voss mobilisiert wunderbar die Fliehkräfte dieses Mannes: Weg hier! Mit nervösen Fersen, verkrampften Schultern und baumelnden Kopf wird er hineingezogen in die Affären von Ehe, Krankheit, Mitgift-jägerei, Schulden, mieser Verwandschaft. Die Katastrophe, an der dieser Iwanow am meisten leidet, scheint die Schwerkraft zu sein. (...)"

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.6.1990

 

 

"(...) Peter Zadek und Gert Voss - das ist der große Coup dieser Inszenierung - wühlen sich nicht (mehr oder minder schwülstig und sentimental) in eine verzweifelte russische Seele. suchen nicht in Iwanow Hamlet oder Byrons Manfred, sondern Tartuffe, den menschenverachtenden Zyniker, den Machtmenschen, dem Verrat, Betrug, Liebe nur Spiel ist. Wieder einmal zeigt uns Voss ein narzisstisches Kind, das egoistisch und egomanisch alles haben will (...)"

 

Süddeutsche Zeitung, 11.6.1990

 

 

"(...) Dem Herrn Iwanow ist das Leben schon zu Lebzeiten abhanden gekommen. Keiner weiß, warum; und er selber weiß es am allerwenigsten. Noch redet, jammert, gestikuliert er - schwärmt von dem kühnen, leidenschaftlichen Menschen, der er eben noch war (...). Seine Erschöpfung ist eine wahrhaft tödliche, und so ist Iwanow am Ende der Komödie wirklich und urplötzlich tot. (...) Kein Schauspieler prunkt mit seinen Reichtümern, Gert Voss am allerwenigsten. Er zeigt nicht, was ihm grandios möglich wäre: die große psychopathologische Studie, das Nervenfieber und Gliederreißen vorne an der Rampe. Er wandert mit seiner Figur (manchmal wundersam aufleuchtend) durchs fahle Land der unheilbaren Melancholie. Er versucht das schwierige Paradox: das Portrait eines Gesichtslosen. (...)"

 

Die Zeit, 15.6.1990