Richard III.
"(...) 'Ich werd' verzweifeln. Keiner, der mich liebt.' Wenn Gert Voss sich, immer noch halb wach traumumfangen, zu dieser Einsicht in sein kaputtes Leben durchgerungen hat, das so viele andere Leben kaputtgemacht hat, steht er da wie nur je ein von Gott und Menschen verlassenes Geschöpf. Hemmungslos schluchzt er. Den Saum des weißen Umhangs zieht er in den Mund, kaut greinend darauf herum. Ein Kind, das aus Angst vor Nacht und Verlassenheit den Zipfel des Nachthemds in den Mund schiebt als schäbigen Ersatz für die Brust der Mutter. (...) Ein König, der Kind geblieben ist, weil er nie Kind sein durfte. Etwas vom bösen Charme eines verzogenen Kindes, dem die Erwachsenen nie gram sein konnten, weil der Siebenmonatsbalg doch verkrüppelt ist, straht Gert Voss aus - bis in den Tod. Wie anders wären die unglaublichen Verführungsszenen zu verstehen. (...) Nie spielt Voss den zynischen Verbrecher, sondern immer den (und sei es durch sich selbst) gefährdeten Verführer. Das gibt seiner Gestalt den mephistophelischen Heiligen-schein. Man kann die Frauen gut verstehen, die ihm erliegen."
Theater heute, März 1987
"Dieser Richard III. ist vor allem: Richard III. (...) Dennoch ist die Aufführung ein Fest - des heute größten Schauspielers der Generation der Mitvierziger im deutschsprachigen Theater. Gert Voss zaubert, oft allein gelassen, über fast vier Stunden ein Menschenmörderleben auf die Bühne, wie wir zur Zeit kein Zweites sehen. Und sein Zauber, der durchaus Methode hat, offenbart hier doch viel mehr als nur schauspielerische (technisch virtuose) Mittel. Im vossisch-glosterschen Blend- und Spielwerk gründet eine eigene Existenz, und so hat dieser Zauber beides, Waffen- und Wahrheitsglanz. (...) Voss, der am Schopf kadettisch und knäbisch hochrasierte, der schwarz bewamste Zögling des Todes mit der Florettstimme (metallisch, federnd, spitz), nimmt diesen Richard nie beseite in die Gespenster-nischen später Gotik, treibt ihn nicht an die Abgründe dunkler Metaphysik (...) Im Fall, bei seinem Sturz bleibt nicht mehr viel. Legt der Wolf den Königspelz ab zur Nacht, beginnt er mit den Lämmern zu heulen. (...) Und in der letzten Stunde weicht auch jener Zauber, der ihn über Leichen leben ließ.
Jahrbuch Theater heute, 1987

